Montag, 14. Mai 2012

Buchkritik: Kathrin Hartmann, Wir müssen leider draussen bleiben



11 Millionen Deutsche leben in Armut

Kathrin Hartmann "Wir müssen leider draussen bleiben"

Das politische Rad dreht sich sehr schnell. Heutzutage
wird gebloggt, getwittert und auch Facebook wird von
manchem Politiker als Medium genutzt. Dennoch sind
gut recherchierte Bücher von Nutzen. Selbst wenn
die Brisanz einiger Themen in "Wir müssen leider
draussen bleiben" von Kathrin Hartmann abgeebbt sind
wie die Bildungsoffensive, für die die Gutbürgerlichen
2009 auf die Straße gingen. Grundschule contra sechs
Primarschule nach skandinavischem Vorbild brachte die
Elite auf die Barrikaden. Alles andere aber wie die
Bedingungen in der Zeitarbeitsbranche mit wenig Lohn
für noch weniger Rechten, das Hartz-IV-Drama oder
wie Wohlhabende in Berlin die Armen verdrängen, sind
geblieben. Die Autorin, die unter anderem für die
Frankfurter Rundschau als freie Journalistin schreibt,
hat für ihre Reportagen sehr gut recherchiert. Im
Anhang ihres Buches finden sich 531 Fußnoten. Kathrin
Hartmann prangert Missstände zwischen Arm und Reich an.
Sie zeigt auf, dass Bildung kein Allgemeingut ist,
sondern Universitäten nach wie vor eher von Akademiker-
kindern bevölkert werden. Dazu muss allerdings bemerkt
werden, dass nicht nur das System allein daran schuld
ist. Ein Handwerker wird es wohl lieber sehen, wenn
Sohn oder Tochter eine Ausbildung machen als kostenintensiv
zu studieren. Er will ja seinen Betrieb an die nächste
Generation weitergeben. Nicht von der Hand zu weisen, ist
aber auch, dass ein Wohlhabender mehr Geld zur Verfügung
stehen hat, um seinen Nachkommen ein Studium - vielleicht
sogar im Ausland - zu ermöglichen. Ein bisschen klischeehaft,
wenn nicht märchenhaft, klingt das Zitat von Sozialrichter
Jürgen Borchert, wonach Eltern im untersten Einkommensbereich
hungern würden, um Bildung für ihre Kinder zu ermöglichen.
Wo es richtig im System hakt, ist die Arbeitswelt. Wer sich
unglücklich als Arbeiter abrackert und nicht vorankommt,
der erhöht sein Herzinfarktrisiko um das Dreifache gegenüber
dem gleichaltrigen Direktor des Betriebes. Armut verkürzt
das Leben. Ein Befund belegte 2011, dass arme Menschen in
Deutschland sieben Jahre weniger leben als Reiche. Besonders
schädlich ist Leiharbeit, die im Buch als "moderner
Sklavenhandel" beschrieben wird. Der Online-Riese Amazon
(globaler Umsatz 34,2 Milliarden Dollar) nutzt geschickt
geltende Gesetze zu seinen Gunsten aus. Wer für das Unternehmen
über die Arbeitsagentur vermittelt wurde, dem musste Amazon
für zwei Wochen "Probearbeit" kein Geld bezahlen. Diese
Arbeitnehmer erhielten weiterhin Hartz IV. Bis zu acht Wochen
können Praktika und Probearbeit unterstützt werden. Zuzahlungen
bis zu 50 Prozent können bis zu einem Jahr ausgedehnt werden.
Auf einen festen Job warten die meisten Vermittelten vergeblich.
Nebenbei bemerkt: das heißt auch, dass Nicht-Hartz-IV-Empfänger
wohl erst recht nicht eingestellt werden, weil die keiner
bezuschusst. Auch Mini-Jobber gibt es mehr denn je, auch bei
Leiharbeitsfirmen. Von 50.000 Minijobbern in 2006 kletterte
die Zahl auf 82.000 im Jahre 2010 bei den Leiharbeitsfirmen.
Doch es gibt ein wenig Hoffnung. Das Fach "Wirtschaftsethik"
gehört mittlerweile endlich auch zur Managementausbildung
dazu. An verschiedenen Universitäten wurden Lehrstühle für
Unternehmensethik eingerichtet. Andreas Heineke ist einer
der populärsten Sozialunernehmer Deutschlands. Und Klaus
Schwab gründete eine eigene Stiftung, um zusammen mit Intel
und einigen Hochschulen die Lehrmittel für Kinder zur
Verfügung zu stellen. Zie ist es, ihnen eigenverantwortliches
Handeln beizubringen und sich nicht allein auf den Staat zu
verlassen. Zum Beispiel, wie man Investoren findet, wenn
das Schuldach renoviert werden muss. Diese Initiative heißt
Rock it Biz und wird mit Spenden betrieben. In diesem Jahr
lautet das Motto "Education". Die erste "Social Business
City" in Deutschland ist Wiesbaden. Es werden Kredite mit
acht Prozent Zinsen für Existenzgründungen gewährt. Das
kritisiert die Autorin vehement an ihrem eigenen Beispiel.
Sie nahm für ihre Selbständigkeit einen Existenzgründungszuschuss
vom Arbeitsamt in Anspruch. Also doch wieder den Sozialstaat
bemühen? Soziales Handeln und wirtschaftlicher Profit scheinen
nicht so richtig zusammenzupassen. Vielleicht doch durch
politisch mündige Bürger, die sich ihres Wertes bewusst sind
und sich nicht mehr hinters Licht führen lassen und mehr
moralisches Handeln fordern.
Ein aufrüttelndes Buch für mehr Gerechtigkeit in Deutschland.
(c) Corinna S. Heyn


Kathrin Hartmann,
Wir müssen leider draussen bleiben.
Die neue Armut in der Konsumgesellschaft.
Karl Blessing Verlag 2012.
Preis: 18,95 Euro
www.blessing-verlag.de

Freitag, 8. Juli 2011

Ein guter Chef - eine gute Chefin

Nicht jeder Chef ist für seinen Posten wirklich geeignet. Allzu lasche und gleichgültige Führung ist ebenso ungut für ein Team wie zuviel Herrschsucht. Ein idealer Vorgesetzter kümmert sich um die Belange seiner Mitarbeiter, gibt ihnen klare Vorgaben und vor allem Feedback. Diese Rückmeldungen zeigen dem Angestellten, dass die Leistung anerkannt wird. Auch wenn Fehler auftauchen und angesprochen werden. Permanente Dauerkritik und aggressives Verhalten seitens des Chefs sind auf Dauer kaum auszuhalten und machen entweder zornig oder depressiv. Ständiges Kontrollieren ist ebenfalls keine vertrauensbildende Maßnahme. Das verunsichert und sorgt eher für Fehlverhalten. Vertrauen ist besser. Sollte es doch einmal missbraucht werden, ist ein klärendes Gespräch unter vier Augen angebracht.
Besonders beliebt sind Chefs, die sich auch einmal Zeit für ein geselliges Beisammensein mit den Angestellten nehmen, mit ihnen Kaffee trinken, plaudern und vielleicht sogar Geburtstag feiern und daran denken. Alles, was ausgesendet wird, kommt auch zu einem zurück. Im anderen Fall, wo Tyrannei und Misstrauen regieren, lässt die Arbeitsleistung nach, der Unmut wächst und das Betriebsklima wird vergiftet.

Sozialstaat mit Lücken und Tücken

In Deutschland gibt es für arme Menschen Unterstützung. Wer arbeitslos ist und in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt hat, erhält Arbeitslosengeld für eine bestimmte Zeit. Danach unter Umständen Hartz IV, wenn derjenige noch immer keine Stelle gefunden hat. Doch es gibt Tücken. Wer zum Beispiel ein eigenes Haus besitzt, muss erst sein Eigentum verkaufen, bis der Staat unterstützend eingreift. Wer zuzüglich selbständig war und nicht freiwillig in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt hat, geht ebenfalls leer aus. Vom Arbeitsamt gibt es kein Geld. Wenn dieser Selbständige zudem ein Haus hat, dem bleibt nur der Verkauf. Auch bei den Verordnungen zum Wohngeld gibt es soziale Lücken und Ungerechtigkeiten. Mieter können Wohngeld beantragen, bei Hauseigentümern nennt sich das "Lastkostenzuschuss". Dieser Lastkostenzuschuss wird aber nur dann gewährt, wenn der Verdienst des Beantragenden über dem Sozialhilfesatz liegt. Im Klartext: wenn ein Hausbesitzer zuwenig verdient, wird der Lastkostenzuschuss abgelehnt. Noch komplizierter wird es, wenn dieser Hauseigentümer auch noch selbständig ist. Dann muss unter Umständen vom Steuerberater ein voraussichtlicher Gewinn oder eine Einnahmensprognose abgegeben werden. Aber nicht jeder kann sich einen Steuerberater leisten. Und da die Einnahmen bei Selbständigen stark schwanken können, hilft eine Rückschau auf das vergangene Jahr auch nicht unbedingt. Das Paradoxon an dieser Regelung ist, dass ein Besserverdiener vielleicht nicht unbedingt einen Lastkostenzuschuss beantragt und jemand, der schlechter gestellt ist, keinen bekommt. Ein frustrierender Umstand für die Betroffenen, denen erneut nur eines bleibt: der Verkauf des Hauses. Nur geht so etwas nicht im Handumdrehen und außerdem drücken potentielle Käufer den Preis, wenn sie die Not des Besitzers bemerken. Es kann zudem auch nicht sein, dass aus Not das teuer erworbene Heim veräußert werden muss.